Das Wesen von Veränderungen

Den folgenden Beitrag habe ich für das renommierte Coaching- und Traininginstitut V.I.E.L. in Hamburg geschrieben. 

Im Kern des Essays geht es um die Fragen,

  • was Veränderungen eigentlich sind und warum wir Menschen uns bei Veränderungen so verhalten wie wir es tun
  • wie wir zu einem besseren Umgang mit Veränderungen kommen 
  • welche Bedeutung Sinnempfinden im Zuge von Veränderungen hat
  • warum Nachhaltigkeit essentiell für den Umgang mit Veränderungen ist.


Den Beitrag veröffentliche ich in Form einer 4-teiligen Serie auf dieser Site.  


Viel Freude und hoffentlich auch die eine oder andere Erkenntnis beim Lesen.

Teil 1: 

Warum wir auf Veränderungen so reagieren wie wir es tun

„Warum tun wir uns eigentlich mit Veränderungen so schwer?" „Und was können wir tun, um besser mit Veränderungen umzugehen?“ 

Diese Fragen tauchen sehr häufig im beruflichen Kontext auf, lassen sich aber ebenso auf das Privatleben übertragen. Gerade in Zeiten von Corona stehen wir vor enormen Veränderungen … und damit aus meiner Sicht auch vor großen Chancen. Wie verhält es sich nun also mit dem „Wesen von Veränderungen“? 

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich mit Ihnen ein Gedankenexperiment machen. Stellen Sie sich folgende Situation vor, die jede/r von uns so oder ähnlich schon erlebt hat: Sie möchten wie jeden Morgen mit dem Auto zur Arbeit fahren und stellen fest … aus irgendwelchen Gründen liegt der Autoschlüssel nicht dort, wo er sonst immer liegt. Was machen Sie? 

Nun, die allermeisten von uns fangen an, den Schlüssel zu suchen in der Hoffnung, dass sie ihn finden und damit im gewohnten – unveränderten – Trott weitermachen können. 

Aber warum ist das so? Warum lassen wir nicht den Schlüssel Schlüssel sein und schnappen uns je nach Entfernung zum Arbeitsplatz das Fahrrad, den Bus oder die Bahn? Das wäre doch genauso denkbar. Und mancher würde vielleicht sogar feststellen, dass das Fahrrad, die Bahn oder der Bus die für sie oder ihn besseren Alternativen sind. 

Der Grund liegt in folgendem: Wir Menschen versuchen in aller Regel erstmal im gewohnten Trott zu bleiben, denn dieser ist uns bekannt. Warum wir so am Bestehenden hängen, möchte ich Ihnen an folgendem Beispiel näherbringen (in Anlehnung an Daniel Kahnemann: Schnelles Denken, langsames Denken): 

Angenommen Sie haben ein Gesamtguthaben von 10.000€. Ich komme jetzt auf Sie zu und biete Ihnen folgendes an: Wir werfen eine Münze. Wenn Kopf gewinnt, gebe ich Ihnen 8.000 €. Wenn hingegen Zahl gewinnt, bekomme ich von Ihnen 8.000 €. Mit anderen Worten: Wenn Sie gewinnen, haben Sie danach ein Gesamtguthaben von 18.000 €. Wenn ich gewinne, schrumpft Ihr Gesamtguthaben auf 2.000 €. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 50%, dass Sie gewinnen. Sie liegt aber auch bei 50%, dass Sie verlieren. Wofür entscheiden Sie sich? Gehen Sie auf mein Angebot ein? 

Rational betrachtet müssten in einer repräsentativen Umfrage 50% der Menschen das Angebot annehmen und 50% das Angebot ablehnen. Dem ist aber nicht so. Die allermeisten Menschen entscheiden sich gegen die Annahme des Angebotes und damit für die Beibehaltung des Status Quo, obwohl die Chance zu gewinnen genauso hoch ist wie das Risiko zu verlieren.  

Warum ist das so? Der Grund ist ganz simpel: Gefühlt hat der potenzielle Verlust ein höheres Gewicht als der potenzielle Gewinn, obwohl wie gesagt die objektiven Eintrittswahrscheinlichkeiten identisch sind. Dieses Phänomen nennt man Verlustaversion. 

Verlustaversion meint: Menschen stehen Veränderungen i. d. R. erstmal skeptisch gegenüber, wenn es ein Verlustrisiko gibt. Hintergrund hierfür ist, dass jeder Mensch seit Urzeiten ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis hat. „Safety first“ lautet grundsätzlich die Devise. Erst wenn die Chance eines potenziellen Gewinns mindestens um das 1,5-fache höher ist als der potenzielle Verlust, beginnen Menschen über das Verlassen ihrer Komfortzone nachzudenken. 

Das können Sie an sich selber feststellen: Angenommen, ich würde Ihnen statt der 8.000 € jetzt 16.000 € geben wenn Sie gewinnen und Sie müssten mir hingegen weiterhin „nur“ 8.000 € geben wenn Sie verlieren. Wie würden Sie sich jetzt entscheiden? 

Mancher von Ihnen würde auf das Angebot eingehen. Zumindest denkt man sicherlich stärker über das Angebot nach als in der ersten Variante. 

Was zeigt uns das? Nun ja, Menschen verlassen nur mit ausreichendem Anreiz ihre Denkmuster und damit ihre Komfortzone, obwohl sie gar nicht wissen können, ob es außerhalb des Bekannten nicht in Wirklichkeit schöner ist. 

Ich möchte Sie dazu einladen, Veränderungen und den damit verbundenen Chancen auf neue schöne Erfahrungen optimistisch gegenüber zu stehen. Es lohnt sich! 

Was es dafür bedarf? Das stelle ich Ihnen in Teil 2 der Serie vor, den ich am 11.01. wieder hier veröffentlichen werde.

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